Mitteilungen für Baedeker-Freunde, Heft 3 / 1981

Ein Arzt reist mit Karl Baedeker

von Bruno Gebhard MD

Im Juni 1970 veröffentlichte Dr. Gebhard im Bulletin of the New York Academy of Medicine, vol. 46, no. 6, einen Bericht unter dem Titel "The Doctor travels with Karl Baedeker". Dr. Gebhard schickte eine Zusammenfassung, die ich hier gerne veröffentliche. Natürlich ist in der Baedeker-Forschung einiges heute anders darzustellen, aber der Bericht ist so lebendig, daß er Ihnen nicht vorenthalten werden soll:

Anfang und Wachstum:

Karl Baedeker (1801-1859) war 27 Jahre alt, als er sein Erstlingswerk - Handbuch für Reisende auf dem Rhein - auf den Weg schickte. Mehr als fünf Generationen sind seither mit K.B. gereist in mehr als 50 Ländern und in einem halben Dutzend verschiedener Sprachen. Als K.B. sein erstes Buch in Koblenz herausbrachte, das ihn durch Benennung einer Straße ehrte, waren Thomas Cook und American Express noch unbekannt. Thomas Cook's erste Tour zum Europäischen Kontinent fand 1856 statt; die Sensation des Jahres 1869 war sein "Conducted Crusade (:) to the Holy Land for Middle-Class People", an dem auch viele Amerikaner teilnahmen, u. a.. Mark Twain.

Eigenart und Stil:

Auf K.B.'s Angaben kann man sich verlassen: "Könige und Regierungen können sich irren - aber nie Herr Baedeker" (A.P. Herbert). Bertrand Russel gibt zwei Quellen für seinen glasklaren Stil an: Milton und Baedeker. "Der Puritaner schrieb nichts ohne Leidenschaft, der Cicerone hat eine brillante Sparsamkeit seiner Worte." Seine ein- und zwei-Sterne-Empfehlungen haben sich über Jahrzehnte bewährt, so auch das Format bis zum Erscheinen des von 1957.

K.B. in den USA

Als ich 1937 aus politischen Gründen nach USA auswanderte, wurde die damals letzte Ausgabe für die USA von 1909 mein tägliches Nachschlagewerk. Auch heute gilt noch für Erstbesucher aus allen Ländern, was er damals 1909 den Engländern empfahl: "Um sich mit Amerikanern gut zu stellen, braucht man nur den Gang der Trabpferde zu bewundern und sich für Baseball zu interessieren." Für die öffentlichen Bedürfnisanstalten in USA schreibt K.B. mit warnender Stimme: "Sie sind an Zahl gering, unzulänglich gepflegt und schmutzig". Er empfiehlt die Benutzung der Hoteltoiletten, auch für Passanten - wie auch heute üblich. Inzwischen ist ja 1979 ein up-to-date Baedeker erschienen. K.B.'s weltweite Popularität hat bis zum zweiten Weltkriege besonders die amerikanischen akademischen Kreise mit eingeschlossen. In dem viel gelesenen Wochenmagazin "The New Yorker" veröffentlichte David McCord "Twelve Sonnets to Baedeker" (23.4.32), die auch in "A Subtreasury of American Humor" nachgedruckt wurden. Ein Sonett als Kostprobe (auf englisch):

Who brought me villages and bed and board,
Settled the day and laid me on my back
At inns whose tariffs I could not afford;
Sweet vade mecum of the Tuileries,
And audible in naves and barrel vaults,
Still smelling of an earlier Cheddar cheese,
Or blemished with red wines and English malts;

So I remember with what crafty charm
Of small italics and appropriate miles
Distinguished pages loosened a new swarm
Of ancient Ninivehs and distant Niles,
And played upon my mind as men at chess,
And sold me to American Express.

Ein deutsches Gegenstück zu den 12 Sonetten ist mir nicht bekannt; vielleicht anderen, dann bitte ich um Mitteilung.

"Ab nach Cassel"

Für Geschichtsfreunde und Kunstliebhaber ist jeder Baedeker eine schnelle und ausgiebige Informationsquelle, das gilt auch für die Bände über USA. Die blutige Schlacht bei Gettysburg (PA) im Bürgerkrieg - der Bericht eines Augenzeugen wird genau beschrieben; es wird auch die Gedächtnisrede Abraham Lincolns, die sog. "Twenty Lines Address" wiedergegeben. Jedermann weiß, daß hessische Söldner im amerikanischen Befreiungskrieg für die Engländer kämpften, aber der unvergleichliche K.B. erzählt es genau: "Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß von 1776-1784 für 22 Mill. Thaler 12.000 Landeskinder nach Amerika und die Engländer verkauft wurden." Es ist bekannt, daß nicht viele freiwillig gingen und das heute noch geläufige "Ab nach Kassel" erinnert wohl an die Zwangsrekrutierung. K.B. erwähnt dazu, daß die dankbaren Untertanen dem Landgrafen Friedrich II - noch zu seinen Lebzeiten - ein Denkmal setzten.

Familienforscher können gelegentlich guten Gebrauch von Baedekerausgaben machen. Ich half vor einiger Zeit einem amerikanischen Freund deutscher Abstammung in der Aufzeichnung seiner Vorfahren (R.M. Stecher). Nichts war zu erfahren vor 1600 in Horn bei Lübbeke. Eines Tages blätterte ich in einem frisch erworbenen Band "Das Generalgouvernement" (1943) und fand dort "Berthold und Matthias Stecher" als Stadtvögte erwähnt anno Domini 1250 in Lemberg (Galizien). Diese Stadt hatte damals manche Familien mit deutschen Namen, Baedeker zählte sie alle auf!

Ich habe meine Baedeker-Sammlung nie als Kapitalanlage angesehen, aber mein Exemplar des Generalgouvernement kostete mich 1946 fünf Dollar. Heute wird es für mehr als 500 Dollar in USA angeboten.

Für meine eigene Familiengeschichte fand ich erst auf unserer ersten Europareise nach 20jähriger Abwesenheit durch K.B. heraus, daß es bei Bregenz nicht nur den Pfänder sondern auch einen Gebhardsberg gibt, was ja jeder weiß, der am Bodensee groß geworden ist. Den Namen hat der Berg zu Ehren des Konstanzer Bischofs St. Gebhard, so daß er wohl nicht als Stammvater angesehen werden kann, es sei denn der Bischof hatte einige Brüder. Meine eigene Sammlung von ca. 100 Bänden geht auf die Ausstellung "Deutschland" zurück, die während der Berliner Olympiade (1936) in den Ausstellungshallen am Funkturm stattfand, für deren Konzeption und Durchführung des historischen und geographischen Teils ich verantwortlich war. Alles was im Baedeker ein oder zwei Sterne hatte, war in Großfotos oder Grafiken, in Modellen oder im Original - wie Goethes Reisewagen zu sehen.

Heute bin ich mehr oder weniger ein "armchair-traveller" und hoffe, daß ich noch einen Baedeker von China, einen von Südamerika und einen von Australien/Neuseeland erlebe.

Vivant sequentes!

Bruno Gebhard MD, P.O.Box 583, Carmel-by-the-Sea, CA 93921, USA im November 1980

Bruno Gebhard MD: Ein Arzt reist mit Karl Baedeker
In "Mitteilungen für Baedeker-Freunde" Heft 3, S. 8-11.
(Holzminden: Ursula Hinrichsen; 1981)


Der getreue Eckardt der ReisendenTable of contentsKarte des Rheinthales und der Eisenbahnen von Basel

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