Reisen und leben, Heft 18 / 1989

Paul L. Feser:

Iwan Tschudi und die Gasthofsternchen

Iwan Tschudi - er durfte sich als Abkömmling eines uralten Glarner Geschlechts auch "von Tschudi" schreiben - lebte von 1816 bis 1887 und war Mitinhaber der bekannten Druck- und Verlagsfirma Scheitlin & Zollikofer in St. Gallen. Mindestens so berühmt wie Iwan wurden seine beiden Brüder: Johann Jakob, der so bedeutende Erforscher Südamerikas, und Friedrich, der bekannte Zoologe, der u.a. das Standardwerk "Das Tierleben der Alpenwelt" verfaßt hat.

Mit Iwan (von) Tschudi aber bleibt allzeit verbunden der Ruf eines hervorragenden Reisebuchverfassers.

Sein "Schweizerführer" erschien erstmals 1855. Unter dem geänderten Titel "Der Turist in der Schweiz" erlebte das an Reichhaltigkeit und Gründlichkeit seiner Angaben nur mit Baedeker vergleichbare Handbuch 36 Auflagen, die letzte noch 1922. Der "Tschudi" konnte sich also neben dem "Baedeker" recht wohl behaupten. Nachdem das "Reisetaschenbuch", wie es sich untertitelte, schon in der mir vorliegenden 15. Auflage (1876) auf rund 650 Seiten angeschwollen war, gab man es später in Form von 5 handlichen (zuletzt noch in 3) Regionalbänden heraus.

Es wäre sehr reizvoll, die Unterschiede zwischen den beiden Konkurrenten um die Gunst des Reisepublikums ausfindig zu machen.

Wir wollen uns hier auf die Art und Weise der Gasthofsempfehlung mittels Sternchen - von den Guides Michelin noch gepflegte Tradition - beschränken. Warnende Hinweise wagen die Reisebucheditoren heute aus Angst vor gerichtlichen Folgen schon gar nicht mehr anzubringen. Der alte Tschudi hielt es da mit der (oft unangenehmen) Wahrheit:

"Besonders empfehlenswerthe Eigenschaften sind hervorgehoben, nicht empfehlenswerthe aber ebenfalls bezeichnet worden. Im Allgemeinen darf jeder Reisende ruhig in den von uns genannten Lokalen, denen keine rügende Bemerkung beigesetzt ist, einkehren."

Gegen die Verwendung von Sternchen, wie sie auch das Konkurrenzprodukt aus dem Hause Baedeker austeilte, hatte Tschudi eine tiefe Abneigung, die er mit folgenden Worten zu begründen wußte:

"Als verwerflich halten wir die Dekorirung von Wirthschaftsetablissements durch Ordenssterne (*), die ohnehin in der Schweiz sich keiner besonderen Verehrung erfreuen, am wenigsten diejenigen gewisser Reisehandbücher, die mit ihrer angemaßten Zensur Pression auf Gastwirthe auszuüben suchen. Es ist geradezu unmöglich, die Grenzlinie zu finden, wo solche Simpel- oder Doppelsterne anzufangen oder aufzuhören haben. Darum haben auch wohl die geachtesten und bewährtesten nichtdeutschen Verfasser wie Ball, Murray, Joanne, Du Pays, v. Escher, sowie auch die namhaftesten neuen deutschen Reiseschriftsteller sie nicht adoptirt und auch der gewissenhafte Bädeker will sich eine unbedingte Verantwortlichkeit für seine Gasthofsterne nicht zumuthen lassen. In der Schweiz selbst sind sie eigentlich odios geworden, seitdem dem reisenden Publikum die Mysterien des Entstehens und Verschwindens vieler solcher Irrsterne und der damit in Verbindung stehenden Notizen enthüllt und nachgewiesen worden ist, wie häufig anerkannt vortreffliche Lokale solcher Auszeichnungen entbehren, mit hämisch kritisirenden Bemerkungen begleitet oder gänzlich ignorirt werden, während Häuser dubiosen Rufes mit überschwenglichen Anpreisungen prunken.

Der Besitzer eines, übrigens vortrefflichen und stark frequentirten Gasthofes an der Gotthardstraße, der füglich jeder käuflichen Lobhudelei entbehren kann, wies im Sept. 1868 in einem der ersten Gasthöfe Freiburgs i.d.S. in Gegenwart einer Gesellschaft Reisender verschiedener Nationen und des Verfassers vorliegenden Buches die eigenhändig geschriebene und unterzeichnete Offerte eines litterarischen Windbeutels bekannten und viel affichirten Namens vor, der sich bereit erklärte, in seinem Reiseführer gegen eine jährliche Bezahlung von 50 Fr. von Seite jenes Gastwirthes dessen Hôtel nicht nur gehörig herauszustreichen, sondern sich noch verpflichtete, kein anderes Wirthschaftsetablissement jener Route zu nennen. Gegenüber solchen Nichtswürdigkeiten wird eine solide, auf möglichst genauer Prüfung beruhende Behandlung des Gasthofwesens dem Reisenden in der Schweiz doppelt angenehm sein. Strenge Gewissenhaftigkeit bei völliger Unabhängigkeit von allen Gastwirthen, sowie die durchaus unparteiische Berichterstattung zahlreicher und zuverlässiger Korrespondenten, dürften nebst den alljährlich sich wiederholenden Wanderungen durch alle Theile seines Vaterlandes den Verfasser in den Stand gesetzt haben, möglichst genaue und zuverlässige Notizen über dasselbe zu liefern, zu deren Vervollständigung ihm gefällige Mittheilungen erfahrener Reisender und Freunde seines Buches, wenn möglich unter Beilegung der betreffenden Belege, stets willkommen sein werden."

Paul L. Feser: Iwan Tschudi und die Gasthofsternchen
In "Reisen und leben" Heft 18, S. 16-17.
(Holzminden: Ursula Hinrichsen; 1989)
ISSN 0936-627X


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