Reiseleben, Heft 13 / 1986

Alex W. Hinrichsen:

Neue Erkenntnisse in der Baedeker-Forschung

Nachdem nun - wie im Börsenblatt vom 7. Februar 1986 nachzulesen ist, die Verlagsgeschichte als Familienverlag offiziell zu Ende gegangen ist, darf ich zu Beginn meines Referates dazu aufrufen, das Historische in der Erarbeitung zu unterstützen und zu bewahren. Je tiefer wir nämlich in Einzelheiten eindringen, die wir uns mühsam herauspicken müssen, umso klarer wird es, daß bedeutende geistesgeschichtliche Zusammenhänge des 19. und des 20. Jahrhunderts die Entwicklung des Baedeker-Verlages mitbestimmten.

Ich freue mich in diesem Zusammenhang ganz besonders, daß Mitglieder der Baedeker-Familie und Herr Dr. Langenscheidt anwesend sind. Einerseits - so verstehe ich es - steht die Familie Baedeker der Erforschung der Verlagsgeschichte positiv gegenüber, und andererseits habe ich von Herrn Dr. Langenscheidt verstanden, daß die neue Firma als Inhaber des Baedeker-Verlages sich die Geschichte und Tradition angelegen sein lassen will.

Während L. L. Boyle die Familiengeschichte mit den Abläufen der Firmengeschichte verbindet, arbeite ich aufgrund meiner Veranlagung und meiner Ausbildung nach interdisziplinär. Wirtschaftsgeschichte ist auch eine geistige Auseinandersetzung verschiedener Systeme und Ideologien; sie zeigen sich in der Erziehung des preußischen Untertans mit dem Zusammenprallen der industriellen Entwicklung, in der Ablösung der Klassenstrukturen im Kampf mit der Restauration, in der Etablierung der bürgerlichen Strukturen und in den Zusammenbrüchen in den zwei Weltkriegen und sich daraus entwickeltem neuen Bewußtsein der gesamten Bevölkerung. Verlagsgeschichte ist in diesem Fall aber auch eingebettet in allgemeine wirtschaftliche Abläufe des zur Verfügung stehenden Einkommens und des Reisens um des Reisens willen, in die sich gegenseitig befruchtenden Handlungen der Nachfrage nach dem Gut 'Reise' oder 'Erholung' und dem Gut 'Reiseinformation', in die Veränderung verkehrlicher Strukturen, in gelenkte Reiseströme aufgrund von sich verändernden Grenzen, in (nicht zuletzt) sich entwickelnde Nachfrage nach Papier und die sich dafür entstehende Industrie.

Es gilt aber auch nicht nur Zusammenhänge zu erarbeiten, sondern Unverständliches zu bereinigen, denn oft reimten sich Realität, Wunschdenken und nicht mehr richtiges Wissen zu etwas zusammen, das einer Korrektur bedarf. Ein Beispiel ist dazu das aus dem Grimm'schen Wörterbuch so oft zitierte Wort vom 'Erwandern' durch Karl Baedeker und der dazu genannten Quelle in diesem Wörterbuch. Dazu muß man aber die Entstehungsgeschichte dieses hervorragenden Werkes verstehen lernen und die damit verbundene Mühsal, es erstellt zu haben. Generationen von Gelehrten haben bis vor kurzem daran gearbeitet. Zum Stichwort 'Erwandern' werden auf 13 Zeilen Erläuterungen gegeben, deren letzte wie folgt heißt: "Notizen, die der Verfasser mühsam sich erwandert und erforscht hat. BÄDEKER Schweiz S. IV." (1) Wo steht nur dieses? Nicht in der im Quellenverzeichnis (2) zu diesem Wörterbuch angegebenen 8. Auflage von 1859. K.B. spricht von 'durchwandern' bzw, von 'bereisen', auch in späteren Auflagen. Eine noch nicht geklärte Vermutung des im Jahre 1862 erschienenen Hinweises kann hoffentlich bald belegt werden.

Ich biete Ihnen in fünf Abschnitten Einblicke, die insgesamt neue Ansätze aufzeigen, die Verlagsgeschichte umfassender zu sehen. Wegen der Kürze der Vortragszeit und wegen einiger bisher nicht geklärter Teilaspekte werden einige Punkte unklar bleiben. Es fehlt noch an manchen Zusammenhängen, aber das Gerüst steht schon. Bitte haben Sie Verständnis dafür.

Abschnitt 1: Karl Baedeker und seine Welt.

Im 1. Baedeker-Symposium hörten wir, daß K.B. die Dichter Hoffmann von Fallersleben und Ferdinand Freiligrath kannte. Also könnte er doch auch noch andere Kontakte gehabt haben, vielleicht aus dem Elternhaus heraus oder aus seiner Lehr- und Studentenzeit, oder? Welche Berührungspunkte hatte er in der Heimatstadt Essen, in Heidelberg, in Berlin?

Sein Vater Gottschalk Diederich Bädeker hatte 3 Jahre vor der Geburt seines ersten Sohnes Karl Ludwig Johann in der später zur preußischen Provinz Westphalen gehörenden Stadt als 20-jähriger die Druckerei seine Vaters übernommen. Die bekannteste Veröffentlichung dieser Druckerei war die "Essendische Zeitung von Staats- und Kriegssachen", die ab 1799 den Namen "Allgemeine Politische Nachrichten" trug. Die Firma G.D. Bädeker wurde ein geschätzter Verlag, in dem Persönlichkeiten, wie der Dichter und Volksschriftsteller Dr. Friedrich Adolf Krummacher (1768-1845), der Prediger und Pädagoge B.C.L. Natorp oder der Volksschulpädagoge Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (1790-1866) verkehrten. Daß Karl die Gäste und Autoren seines Vaters kannte, zeigt eine handschriftliche Bestätigung der Schriftzüge Krummachers (3) vom 18. August 1847, also, als K.B. schon lange in Koblenz wohnte. K.B. lernte in seinem Vaterhaus eine Welt des Verlages in Verbindung mit dem belehrenden und politischen Leben einer Zeitung kennen, in der sein Vater die Rolle des ersten Redakteurs spielte. Politisch stand G.D. Bädeker den Preußen nahe; er begrüßte die am 11. November 1813 in Essen einrückenden pommerschen Husaren "aufs Tiefste bewegt" (4). 1815 wurde die große preußische Regierungs- und Verwaltungsreform durchgeführt, in der Essen endgültig in Preußen einverleibt wurde.

Mit 16 Jahren verließ K.B. das Elternhaus, um bei Mohr in Heidelberg den Beruf des Buchhändlers zu erlernen (Dr. Jacob Christian Benjamin Mohr, sein ehemaliger Prinzipal war erster Vorsteher des im Jahre 1825 gegründeten Börsenvereins der Deutschen Buchhändler in den Jahren 1838-1840 gewesen). Der evangelische Eleve wurde am 29. April 1819 als stud. phil. in Heidelberg immatrikuliert - aber er war nicht allzu lange dort, denn schon im Sommersemester 1820 wird er nicht mehr in den Immatrikulationslisten geführt. Auf jeden Fall beeindruckten ihn die historischen Vorlesungen, wie 1846 eine Bemerkung in der 'Rheinreise' (5.Auflage) vermuten läßt (5):

"...aber es liegt dem Zwecke dieses Büchleins nicht ganz fern, auf die geschichtlichen Vorlesungen Schlossers und Gervinus aufmerksam zu machen..."

Friedrich Christoph Schlosser war 1819 nach Heidelberg berufen worden; Georg Gottfried Gervinus zuerst sein Schüler ab 1826 in Heidelberg, dann ab 1844 als Honorarprofessor Vorlesungen haltend. Beide Professoren waren neuen politischen Gedanken nicht abhold: Der eine in seinen Ansichten liberal, der andere zu den 7 Göttinger Professoren gehörend, die im Dezember 1837 des Landes verwiesen wurden.

Im Jahre 1820 treffen sich in Bonn Ernst Wilhelm Hengstenberg und K.B.; es ist zu vermuten, daß er dort auch Hoffmann von Fallersleben kennengelernt hatte, der 1819 an die dortige Universität gekommen war, um vaterländische Geschichte zu studieren. Hengstenberg, später Vorkämpfer der neulutherischen Orthodoxie und Professor in Berlin, studierte in Bonn Philosophie und Orientalistik; gleichzeitig war er ein leidenschaftlicher Verfechter der Burschenschaftsidee:

"Dem Buben und dem Knecht die Acht! ihn speisen Kräh'n und Raben.
So grüßen wir zur Hermannsschlacht und wollen Rache haben!"

heißt es in einem handschriftlichen Albumblatt, das er K.B. zum Andenken am 16. März 1820 in Bonn widmet. (6)

In der zum preußischen Regierungsbezirk Koblenz gehörenden Enklave der Stadt Wetzlar absolviert der 21-jährige sein Freiwilligen-Dienstjahr unter den Jägern, dann geht er nach Berlin zu Reimer in die Wilhelmstraße 73.

1824 und 1825 waren lehrreiche Jahre in der preußischen Hauptstadt, als die Restauration den dem Staate gehörenden Gehorsam streng verlangte. "Die 1820er und 1830er Jahre mit Ausnahme der Periode der Jahre 1830-33 waren in Preußen eine Zeit erzwungener politischer Ruhe bei gleichzeitig ...sozialem Wandel." (7)

Sein Freund und "Bruder" Hengstenberg, den er in Berlin wiedertrifft, habilitiert sich in diesen Jahren an der philosophischen und theologischen Fakultät.

Georg Andreas Reimer, Baedekers Berliner Prinzipal, hatte im Jahre 1800 eine Buchhandlung aus Staatsbesitz übernommen (die ehemals dabei gewesene Landkartenabteilung war abgetrennt und zum Grundstock der Schropp'schen Landkartenhandlung geworden), sie um eine Druckerei erweitert und im Jahre 1822 die Weidmannsche Buchhandlung angegliedert. Männer, wie der in Schulpforte erzogene Fichte, Ernst Moritz Arndt und der Theologe und Schriftsteller Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher gehörten zu seinem Bekanntenkreis.

Wie die Verbindung aus der Berliner Zeit zwischen Baedeker und Reimer gehalten hat, zeigt die Heirat zwischen seinem Erstgeborenen Ernst mit Ottilie Hirzel, der Enkelin Reimers.

Warum wählte K.B. die Stadt Koblenz zu seinem Wohnsitz? Diese Stadt war die Hauptstadt der nach 1815 gegründeten Rheinprovinz und der Sitz des Königlichen Oberpräsidiums; ein Militärkommando und weitere höhere Verwaltungsbehörden waren durch die preußische Krone nach 1815 angesiedelt worden. Wir begegnen zu dieser Zeit einem preußischen Oberregierungsrat Heuberger, dessen Sohn als Landrat später in St. Goar eine bedeutende Rolle spielt - doch davon später. - 1040 Häuser und 12000 Einwohner hatte die Stadt ohne die Garnison der dort stationierten 8. preußischen Armee. Koblenz war für einen preußischen Staatsbürger eine wohlzuverstehende Wahl (denken wir an die Städte Essen, Bonn, Wetzlar und Berlin als vorübergehende Aufenthalte), aber in der unruhigen Zeit nach den Befreiungskriegen und der Restauration war sie nicht so ein Mittelpunkt wie z.B. Berlin oder die Universitätsstadt Bonn. Sicherlich war K.B. als preußischer Leutnant der Reserve loyal, aber gleichzeitig durch seine Studien- und Wanderzeit freisinnigen Gedanken nicht abgeneigt. Auch in Baden hatte zu seiner Lehr- und Studienzeit der freisinnige Gedanke Raum gegriffen, wie die erste landständische Versammlung in der badischen Hauptstadt zeigte, die eine Woche vor der Immatrikulation Bädekers an der Heidelberger Universität in Karlsruhe abgehalten wurde.

In den Erinnerungen Hoffmann von Fallersleben finden wir auch den bekannten Hinweis zur Charakterisierung Bädekers aus dem Jahre 1836: "...Ich fühlte mich erst wieder frei und froh bei meinem biedern, freisinnigen, klaren und gemüthlichen Carl Bädeker." (8)

Die Preußen scheinen zu der Zeit in Koblenz nicht gerade beliebt gewesen zu sein, wie Carl Julius Weber in seinen "Briefen eines in Deutschland reisenden Deutschen" (9) schreibt: "...und manchmal zu vergessen, daß sie nicht in den Marken von Westphalen und Pommern, sondern unter Leuten leben, die in der Schule der Revolution und unter Franzosen groß gezogen worden sind, welche zwar gerade nicht bescheidener sind, aber doch stets den Schein davon anzunehmen wissen!"

Am 20. Dezember 1836 schließt K.B. einen Vertrag, in dem er die Herausgabe der "Zeitschrift für Philosophie und katholische Theologie", dem Sprachrohr der Hermesianer, übernimmt. Die Hermesianer waren eine philosopisch-dogmatische Schule innerhalb der kath. Kirche, die ab 1835 als ketzerisch verdammt wurde. Die Partner sind die Bonner Professoren Achterfeldt, Braun, Scholz und Vogelsang. Bädeker hält bis Ende 1842 diese verlegerische Arbeit durch, dann übernimmt sie der Verleger F.C. Eisen in Köln. Braun und Achterfeldt hatten sich 1837 in Rom zu verantworten gehabt; die Folge war ein Berufsverbot ab 1843, ausgesprochen durch den Erzbischof von Köln. In einem Brief bedankt sich K.B. bei Prof. Braun am 19. Juni 1846 für die Kontakte, die er durch die Herausgabe dieser Zeitschrift gehabt hatte: "...daß ich gerne der Zeit gedenke, (da) mein Verhältnis zu Ihrer Zeitschrift einen häufigeren Verkehr mit Männern (ermöglichte), deren Ehrenhaftigkeit und uneigennützige Billigkeit in jeder Weise mir, dem damaligen Verleger der Zeitschrift, entschieden sich zeigten." (10)

Hat sich K.B. in seinen Reiseführern politisch geäußert? In der "Rheinreise" von 1835 ist lediglich der Hinweis auf die d e u t s c h e Reichsstadt Straßburg zu finden. In der Auflage von 1839 wird daraus ein ganzer Absatz zum Deutschtum:

"Noch jetzt bietet die Stadt das Bild einer altdeutschen Reichsstadt dar, und nach anderthalb Jahrhunderten französischer Herrschaft sind Sprache und Sitten des Bürgerstandes deutsch geblieben, während das Französische die Umgangssprache der höhern Gesellschaft ward." (11) In der Auflage von 1846, die im gleichen Jahr auch zum ersten Mal in französischer Sprache auf den Markt kommt, wird den Franzosen übel mitgespielt: "Aber der alte ehrenfeste Straßburger lacht, wenn er sein Maikäfergäßle...mit rue des hannetons...bezeichnet sieht .... Die deutsche Bevölkerung des Elsaß hält so zäh und fest an ihrer Volksthümlichkeit, daß noch nach Jahrhunderten die französischen Einwirkungen ohne Erfolg an ihr abgleiten werden." (12) In der oben erwähnten französischen Übersetzung fehlen diese Aussagen.

K.B. argumentiert also an mehreren Stellen, wenn es um die deutsche Position geht, wie z.B. auch zur nördlichen Grenze und den damaligen Verhältnissen in Schleswig und Holstein(„...dürfte bei dem lebhaften und bewegten Antheil, den das deutsche Volk an diesen seinen tapfern Stämmen auf der äussersten Feldwacht nimmt, wohl am rechten Ort hier stehen." (13)). Trotzdem Hoffmann von Fallersleben gut mit K.B. bekannt war, wird in den Reisehandbüchern nicht auf ihn Bezug genommen, auch nicht in Zusammenhang mit dem Entstehen des Deutschland-Liedes. Kritik am preußischen Staat finde ich nicht, auch keine Silbe zu den sozialen Problemen der Weber, die 1844 den Aufstand probten. Von Johann Jacoby, Arzt aus Königsberg, der 1841 die "vier Fragen, beantwortet von einem Ostpreußen" veröffentlichte, wird nicht berichtet, aber ein unscheinbares Sätzchen finden wir in der 3. Auflage von 1846 des Bandes über Deutschland beim Stichwort über Königsberg: "...vor dem Stadt-Museum in der Königsstraße erhebt sich das Denkmal des ehemaligen Ober-Präsidenten von Schön,... welches die dankbare Provinz dem Manne des Volkes 1843 errichtete." (14) Heinrich Theodor von Schön (1773-1856) war 1840 durch die Denkschrift "Woher und Wohin?" zur preußischen Verfassungsfrage hervorgetreten. Wegen seiner freisinnigen, streng philosophischen Ansichten mußte er trotz großer Verdienste um die Provinz Preußen 1842 aus dem Staatsdienst ausscheiden.

Aber auch K.B. betätigte sich freisinnig, wie die nachstehend geschilderten Begebenheiten zeigen werden.

In der "Rheinreise" von 1846 (5. Auflage) wird der Bekanntheitsgrad von St. Goar mit dem zeitweiligen Aufenthalt von Ferdinand Freiligrath in Verbindung gebracht. Doch wie kam es dazu?

Am 6. April 1841 schrieb K.B. an den Landrat von St. Goar, Herrn Hans Carl Heuberger (geb. 28.10.1790, gest. 8.10.1883): "Der Überbringer dieser Zeilen ist ein Bekannter von mir...es ist Ferdinand Freiligrath." (15) Im Jahre darauf ließ sich dann Freiligrath - versehen mit einer Apanage des Königs von Preußen - in St. Goar nieder, um der Dichtkunst zu frönen. Bei Heuberger trafen sich noch andere Dichter; daraus hatte sich dann der "Kreis Heuberger" entwickelt. Ein Jahr später treffen dann Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben bei Bädeker in Coblenz am 15. August (1843) zusammen; der eine (noch) königlich preußischer Pensionär und Dichter, der andere schon seiner Professur in Breslau enthoben. Aus diesem Zusammentreffen entsteht das folgende Gedicht, das 1844 im berühmten Gedichtband "Glaubensbekenntniß" enthalten sein wird: (16)

"Jene Nacht im Riesen,
Wo wir den Champagnerschaum
Von den Gläsern bliesen;
Wo wir leerten Glas auf Glas,
Bis ich alles wußte,
Bis ich Deinen ganzen Haß
Schweigend ehren mußte.
Düster mit verkohltem Docht
Flackerten die Kerzen;
Düster und von Zorn durchpocht
Brannten unsere Herzen;
Dennoch oft, gleichwie ein Blitz,
Finstrer Wolk' entquollen,
Brach ein Lachen, brach ein Witz
Hell durch unser Grollen."

Am 3. Februar 1844 schreibt Freiligrath aus St. Goar an Levin Schücking, der zu dieser Zeit Redakteur der Cotta'schen "Allgemeinen Zeitung" in Augsburg ist, daß ein Bändchen politischer Gedichte an Cotta abgehen werde: "...ich müßte mich sehr täuschen, wenn das Ding nicht wie eine Bombe in den Jammer des Tages hineinschlüge." (17)

Mit Brief vom 29. Februar fragt dann Freiligrath unter dem Siegel der Verschwiegenheit bei Bädeker an, ob seine politischen Zeitgedichte nicht bei ihm oder in Zusammenarbeit mit K.B.'s Bruder Adolph in Rotterdam herausgebracht werden könnten (Gustav Adolph Bädeker hatte sich Ende 1836 in Rotterdam selbständig gemacht und in Zusammenarbeit mit seinem Bruder Karl die 1. und 2. Auflage des Reisehandbuches über Deutschland und Österreich, die 1. Auflage des Reisehandbuches über Holland, die 1. und 2. Auflage über Belgien, die 3. und 4. Auflage der "Rheinreise" sowie das Album "20 Ansichten holländischer Städte" in den Jahren zwischen 1839 und 1844 herausgegeben). Der Brief Freiligraths schließt; mit der Aufforderung: "Antworten Sie mir bald!" (18)

Die Antwort ist derzeit noch nicht bekannt, aber 3 Tage später bestätigt Freiligrath an den Dichter Emanuel Geibel, daß er noch nicht wisse, wo er das Bändchen durch die Zensur bringen werde. Cotta wollte nicht, K. Bädeker wollte nicht. Der treueste Freund bleibt in den nächsten Monaten der von K.B. vermittelte Landrat Heuberger aus St. Goar; aber auch Karl Simrock aus Bonn, der Verfasser vieler Bücher über den Rhein, hält zu ihm, wie ein Brief vom 28. März 1844 aussagt: "Es versteht sich, daß Du bei mir absteigst. …. Deine … bevorstehende Ankunft wird einstweilen ganz geheim gehalten." (19)

Im Juni lehnt Cotta die Herausgabe ab, am 18. August 1844 erscheint dann das "Glaubensbekenntniß" in Mainz bei von Zabern, ein paar Tage später verläßt Freiligrath Deutschland in Richtung Belgien. Daß der Kontakt zwischen K.B. und Freiligrath aber erhalten geblieben ist, zeigt die Widmung "an Freund Freiligrath, K.B" in einem Exemplar der 3. Auflage des Reisehandbuches von Belgien, das im Februar 1845 erscheint. (20) Levin Schücking zeigt sich in einem Brief an K.B. vom 10. Juni 1845 besorgt über den Dichter, der ruhelos in halb Europa herumreist: Belgien, London, Schweiz, Belgien. (21)

2. Abschnitt: Geschäftliche Dinge

Karl Bädeker muß sich, wie auch seine Kollegen, in vielfältiger Weise vor Raubdrucken seiner Erzeugnisse schützen. Bekannt ist der Abdruck eines Teiles seines Rheinführers von 1846 in französischer Übersetzung durch die Firma Maison aus Paris, und die ausführliche Erwiderung dagegen im Börsenblatt der deutschen Buchhändler vom 10. Juni 1851.

Am 1. März 1843 bittet K.B. die Königliche Oberste Kommission der Künste in Berlin, ihm Schutz nach dem am 11. Juni 1837 erlassenen Gesetze für die bei ihm veröffentlichten Ansichtenwerke zu gewähren. Dem Gesuch (22) ist zu entnehmen, daß Versuche im Gange waren, die in seinem Verlag veröffentlichten Ansichten nachzudrucken. Im einzelnen handelte es sich um die 47 Rheinansichten, die 20 Ansichten holländischer Städte (die seit 1839 auf dem Markt waren), das Panorama von Koblenz und von Ehrenbreitstein und die Ansicht von Koblenz vom Ehrenbreitstein aus. Bädeker bedient sich bei der Einreichung seines Gesuches der Mithilfe des Berliner Buchhändlers Enslin, der erster Vorsteher des Börsenvereins von 1834 bis 1838 gewesen war.

Über die Reisen von K.B. ist noch einiges nachzuforschen, aber er konnte mit dem Anwachsen seines Verlages nicht alles alleine bereisen. Dieses schreibt er auch in verschiedenen Vorworten seiner Reisehandbücher; den Band über Deutschland und Österreich wollte er ursprünglich von Otto von Czarnowsky bearbeiten lassen; das Bändchen über Bad Bertrich hatte als Bearbeiter den auch damals schon bekannten Geognosten Heinrich von Dechen, oder das Buch über das Seebad von Ostende Professor W. Lachmann (bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß zur gleichen Zeit, also im Jahre 1845, ein weiterer Band über Ostende von Dr. Hartwig bei Jügel in Frankfurt erschien. Dieser Dr. Hartwig wird bei Bädeker als deutscher Badearzt empfohlen).

Bekannt ist auch, daß sich K.B. zur Fertigstellung des Bandes über die Stadt Paris zuletzt einige Zeit im Jahre 1854 in dieser Stadt aufhielt; im September 1855 war er in Holland und Belgien. In diesem Zusammenhang ist auch die ursprünglich geplante Herausgabe der 4. Auflage von Holland für 1856 zu sehen, wie sie noch in der Verlagsankündigung von 1856 zu finden ist. 1857 spricht K.B. dann von "späterem Erscheinen", im Frühjahr 1858 vom "späterem Erscheinen" eines gemeinsamen Bandes über Belgien und Holland, der dann auch im Juli 1858 tatsächlich gedruckt wird.

Für die im Jahre 1857 herauszugebende 7. Auflage des Bandes über die Schweiz war er sich gegenüber seinem Konkurrenten Murray eines Mangels bewußt. Deshalb schreibt er am 30.12.1856 an einen (bisher) unbekannten Empfänger, ihm eine dreiseitige Beschreibung der Route von Turin nach Genf über den Mont Cenis zu erarbeiten. Das Resultat erwartet K.B. innerhalb der folgenden 4-6 Wochen. Da ihm die eigene Anschauung fehle, so schreibt Bädeker, ersuche er um eine entsprechende Antwort. Murray hatte nämlich in seinen Bänden "Switzerland" und "Northern Italy, 1st part" ausführliche Beschreibungen dieser Route gebracht. (23)

In den Rheinführern von 1835 oder 1839 oder im Handbuch für Deutschland und Österreich von 1844 finden wir ausführliche Verzeichnisse der angebotenen Bücher und Kunstsachen. Es werden aber nicht die Jahreszahlen der Veröffentlichung genannt. Erst in den 50er Jahren wird es anders: Zuerst erscheinen als Vorspann Rezensionsblätter, in denen Auflagen genannt werden, zuerst auch ohne Angabe der Ausgabejahre, dann mit den Jahreszahlen, und dann (endlich!) mit genauen Auflagenbezeichnungen, zu denen die Erscheinungsjahre gehören. Auch im Vorwort verweist der Verleger auf seine bisher immer erschienenen Bände. Aber trotz sicherlich nicht allzu hoher Auflagen sind Bücher z. T. jahrelang in den Regalen. Im Jahre 1839 werden z.B. noch immer als "erhältlich" angeboten: "Das römische Denkmal in Igel und seine Bildwerke" (erstmals von K.B. im Jahre 1829 angeboten) oder der Koblenz-Führer von J.A. Klein von ebenfalls 1829, der vermutlich ab 1832 bei K.B. durch die Übernahme des Verlages Röhling verlegt wurde. Was gab K.B. sonst noch in seinem Verlag heraus? Die Beantwortung der Frage zeigt, daß das Angebot zumindest bis Mitte der 1850er Jahre vielfältig war.

Neben Reiseführern und Kunstsachen (Ansichten, Panoramen) waren im Angebot folgende Schwerpunkte vertreten: Literarische Gedichte, Kirchenbücher, Gesetze, Schulgrammatiken, vaterländische Geschichtsbücher, Militärgeschichte, Bücher über Militärökonomie, ein Taschenbuch für preußische Ingenieure und ein Buch über Bohrversuche, im Jahre 1849 ein Buch über die soziale Frage, medizinische Werke in Verbindung mit Balneologie. Die veröffentlichten Werke sind nur z. T. in Anzeigen im Börsenblatt nachzuvollziehen, und zwar dann, wenn ein über den dem Verleger bekannten Bedarf hinaus Werbung notwendig war. Sicherlich könnte auch die eine oder andere verlegerische Arbeit eine Auftragsarbeit gewesen sein, für die der Absatz schon gesichert war. Zwei Titel dürfen hier beispielhaft genannt werden, die kaum bekannt sein dürften, und die eine größere Spannweite der verlegerischen Arbeit K.B.'s zeigen:

a) Hofmann, von General: Zur Geschichte des Feldzuges von 1815 bis nach der Schlacht von Belle-Alliance, Koblenz 1849;

b) Petri, W.: Wissenschaftliche Begründung der Wasserkur, Coblenz 1853.

Die Produktion der Reisehandbücher war etwas Eigenständiges, für das es galt, getreu den veröffentlichten Grundsätzen, dem Reisenden zu dienen, ständig unterwegs zu sein oder Informationen einzuholen. Auch K.B.'s Sohn Ernst hielt sich an das Prinzip. Es wurde dann zur Richtschnur aller Verlegergenerationen. Ernst B. hatte nach der Verlagsübernahme nach dem plötzlichen Tod seines Vaters redaktionelle Reisen nach Norddeutschland und in die Schweiz im Jahre 1860 und nach Süddeutschland und Österreich im Jahre 1861 eingeplant. (24) Noch mehr ausgefüllt mit anstrengenden Reisen war das Leben von Karl Baedeker jun., der nach dem Tode seines Bruders Ernst im Juli 1861 die Verlagsführung übernahm. Aus den Aufsätzen von Dr. L.L. Boyle und von mir, die in REISELEBEN Heft 7 enthalten sind, kennen wir zumindest die Reisen in die Schweiz aus den Jahren 1863 und 1864 sowie die große Reise in den Nahen Osten im Jahre 1874. Wo war Karl Baedeker im Jahre 1862 gewesen? Lassen wir ihn in einem Brief vom 22. Dezember berichten:

"...daß ich diesen ganzen Sommer nur 14 Tage zu Hause war und die Zeit fast ausschließlich von den Correcturen und Revisionen der neu erschienenen Handbücher von London in Anspruch genommen war. Nach einem dreimonatigen Aufenthalte kehrte ich Anfang Juni hierher zurück und mußte Ende desselben Monats, nachdem die Revision der letzten Bogen glücklich abgesandt war, wegen dringender Verhältnisse nach Leipzig. Ende Juli trat ich eine größere Reise an, und zwar lenkte ich zuerst meine Schritte nach der Schweiz, durchwanderte besonders die südl. Wallisthäler und begab mich dann nach Ober-Italien. Von hier ging ich durch das Veltlin und über das Stilfser Joch nach Tirol und später wieder hinunter nach Triest und dann nach Ofenpesth, um auf meiner Rückreise die größeren Städte der ... Kaiserländer zu besuchen. Diese große und ziemlich anstrengende Rückreise habe ich erst Anfang vorigen Monats beendigt." (25)

Im gleichen Brief wird eine bisher unverständliche Ausgabepolitik bei der Herausgabe der 10. Auflage des Bandes über Oesterreich, Süd- und West-Deutschland erklärt. Diese Auflage gibt es mit den Jahreszahlen von 1861 und 1862: "Die 10. Auflage dieser Bücher, welche theilweise allerdings die Jahreszahl 1862 trägt, mußte wegen plötzlichem Ausgehens der 9. Aufl. schon im Sommer vorigen Jahres gedruckt werden." Die Korrekturen waren nicht eingearbeitet worden, so wurde die 10. Auflage nochmals mit dem Erscheinungsdatum von 1861 und den eingearbeiteten Korrekturen veröffentlicht.

Zum Abschluß dieses Abschnittes wird der Gedanke von Karl Baedeker erwähnt, daß er seit 1861 erwog, ein neues Reisehandbuch für alle Alpenländer zusammengefaßt herauszugeben. Es sollte die Teile der Schweiz, von Südbayern, dem Vorarlberg, von Tirol, der Steiermark und von Krain enthalten, in denen der Reiseverkehr zugenommen habe und die deshalb in den bisherigen Routenbeschreibungen nicht ausreichend zur Geltung kamen. Aus diesen Gedanken heraus werden die konzentrierten Alpenreisen zwischen 1862 und 1864 verständlich. (26)

3. Abschnitt: Die Veröffentlichung des Reiseführers über Unter-Aegypten von 1877 (D 485)

An der im Jahre 1877 erschienenen 1. Auflage eines Baedeker'schen Reisehandbuches für Unter-Ägypten wird nachstehend dargestellt, welche Schwierigkeiten die Erarbeitung dieses anspruchsvollen Führers mit sich brachte. Der Verlag war nicht der erste, der über das in Mode gekommene Reiseland einen Führer veröffentlichte; es gab schon zahlreiche Literatur, wie z.B. das 'Hand-Book for Travellers in Egypt', zum ersten Mal vom Verlag John Murray aus London im Jahre 1847 verlegt, oder von Lepsius das 'Königsbuch der alten Ägypter' von 1858 oder die zur gleichen Zeit wie die Baedeker'sche Veröffentlichung erschienene 'Geschichte der morgenländischen Völker' von Maspero, dem langjährigen Direktor des Ägyptischen Museums.

Im August 1872 macht Karl Baedeker Herrn Dr. Georg Moritz Ebers den Vorschlag, ein 'Handbuch für den Orient' herauszugeben. Dr. Ebers hatte 1869-70 eine längere Reise nach Ägypten und Nubien unternommen und er war nach seiner Rückkehr einem Ruf der Universität in Leipzig gefolgt. - Die Einteilung des Bandes über den Orient sollte wie folgt vorgenommen werden:

I. 1. Triest-Corfu-Alexandrien-Cairo
  2. Cairo-Suez-Nildelta
  3. Ausflug auf dem Nil
II. 4. Alexandrien-Jafa-Jerusalem
  5. Jafa-Beyruth-Damaskus
  6. Jerusalem-Damaskus-Libanon
  7. Beyruth-Tripolis-Cypern-Smyrna
III. 8. Pest-Donau-Constantinopel
  9. Triest-Brindisi-Corfu, Syra(cus)-Athen-Constantinopel
  10. Triest-Corfu-Corinth-Athen
  11. Messing (Marseille)-Piräus-Athen-Constantinopel
  12. Constantinopel
  13. Smyrna-Kleinasien
IV. 14. Athen und Griechenland

Als Bearbeiter hatte Karl Baedeker folgende Wissenschaftler vorgesehen, die er für diese Arbeit zu gewinnen suchte:

Für den Teil I: Dr. Ebers; für den Teil II: Dr. Socin aus Basel; für den Teil III: Dr. Gurlitt und für den Teil IV: Dr. Luders in Athen.

An Honorar wurden 30 Thaler pro Bogen und Erstattung aller Reisekosten, angeboten. Der Verlag hatte schon einige Karten und Pläne für Ägypten in Arbeit gegeben, und zwar zwei Nilkarten, eine Karte des Sinai und Stadtpläne von Alexandria und Kairo.

Im Jahre 1874 ist dann Karl Baedeker selbst auf großer Orientreise; 1875 kommt 'Palästina und Syrien' als erster Teilband auf den Markt.

Am 30. November 1875 wird zwischen Dr. Ebers und dem Verlag Karl Baedeker ein dreiseitiger Vertrag zur Herausgabe des Bandes 'Unter-Ägypten' geschlossen. Manuskript und Satz waren zu diesem Zeitpunkt zwar schon zum großen Teil fertig, aber die Vorstellungen über Inhalt und Form der Herausgabe gingen noch auseinander. Auch bei späteren Auflagen hatte Dr. Ebers oft andere Vorstellungen als der Verlag. 'Unter-Ägypten' sollte unter dem Namen des Verlages, 'Ober-Ägypten' unter dem alleinigen Namen .von Dr. Ebers im Verlag Karl Baedeker erscheinen. Die Höhe der Auflage bleibt dem Verlag überlassen; es wurde aber Dr. Ebers vertraglich zugesichert, daß die erste Auflage aus mindestens 1000 zu druckenden Exemplaren zu bestehen habe. Das Honorar wird mit insgesamt 3000 (!) Thalern (einschließlich der Kosten der Reise von Dr. Ebers in den Jahren 1872-73) abgerechnet. Da inzwischen die Mark-Rechnung eingeführt wurde, wurde festgelegt, daß die Bearbeitung weiterer Auflagen mit 100 Mark pro Bogen honoriert werden sollte. Außerdem werden Dr. Ebers 50 Freiexemplare der ersten Auflage zugestanden; dieses entsprach einem Verkaufswert von 800 Mark. (27) Dr. Ebers war übrigens nicht nur ein vielbeschäftigter Autor; er brachte auch Ausgrabungen von Ägypten mit nach Hause, wie z.B. den nach ihm genannten Papyrus aus der Gräberstadt Theben anläßlich seiner von Baedeker bezahlten Reise in den Jahren 1872-73.

Dr. Ebers hatte sich zubilligen lassen, im Vorwort des Reisehandbuches an erster Stelle mit Hinweis auf sein Manuskript genannt zu werden. Dieses geschah auch mit gehörigen Abstand zu den anderen Mitarbeitern, aber der nun schon die Korrespondenz führende Fritz Baedeker hatte in diesem Vorwort zum Ausdruck gebracht, daß er mit dem Manuskript nicht ganz zufrieden ist: "Dem Herausgeber stand bei der Bearbeitung dieses Bandes ein von Herrn Professor Dr. G. Ebers in Leipzig zu diesem Zweck ausgearbeitetes Manuscript zur Verfügung, auf dem die Darstellung zum Theil beruht." (28) Der Verlag mußte vielfältige Hilfe von anderen Fachleuten in Anspruch nehmen. Prof. Zittel aus München erhält seinen Korrekturabzug für den von ihm verfassten Abschnitt 'Geologisches. Wüste' am 1. 11. 1875, während Prof. Ascherson erst am 20. 10. 1875 auf Empfehlung von Prof. Schweinfurth vom Verlag gebeten wurde, über die 'Oasen im Allgemeinen' etwas Konkretes auszusagen. Im Dezember 1875 wird Prof. Ascherson außerdem gewonnen, die Korrektur des ganzen Bandes zu lesen; als erstes Honorar werden ihm dafür 300 Mark zugesichert. Im Februar 1876 reist Karl Baedeker nach London, um die englische Übersetzung von 'Palästina & Syrien' abzuliefern, dann ist er Anfang März selber nochmals in Ägypten. Dort trifft er kurz mit Prof. Ascherson in Kairo zusammen, der einen neuen Bericht über Medinet el-Fayum an Ort und Stelle selber erarbeitet. Als Karl Baedeker im Mai 1876 nach Leipzig zurückkehrt, findet er schon diesen Bericht sowie einige andere vor. Aber er schreibt: "Was mich persönlich anlangt, so ist es mir leider noch immer nicht gelungen, meine alte Energie zur Arbeit wieder zu erreichen, ich kann eine gewisse Müdigkeit nicht loswerden..." Die Schlußredaktion drängt, aber.es fehlt mir die Energie, ernstlich ans Werk zu gehen." (29) Aus einem späteren Brief (15. Juli 1876) an den gleichen Adressaten spricht die Hoffnung, nach dem Erscheinen dieses Bandes über Unter-Ägypten eine wesentliche Erleichterung im Denken und Tun fühlen zu können. (30)

Ende Oktober 1876 wird der Band dann endlich angekündigt.

Über den- geschäftlichen Erfolg äußert sich Fritz Baedeker im Jahre 1892:

"Rentabel ist die Herausgabe von Orientführern überhaupt nicht, wenigstens nicht, wenn man wissenschaftliche Autoritäten ersten Ranges mit der Bearbeitung betreut.- Ob mein Konkurrent Meyer mit seinen kleinen Handbüchern, die z. T. auf den Meinigen aufgebaut sind, Geschäfte macht, weiß ich nicht. Ich habe bisher bei den Orientbüchern nur zugesetzt. .Wie die Verhältnisse liegen, betrachte ich die Orientführer als eine Art noble Reklame. Was andere Firmen für Zeitungsinserate ausgeben, verwende ich auf die Herausgabe neuer Bände." (31)

Neubearbeitungen brauchten viel Zeit und Geduld, die Bände über Ägypten sind da keine Ausnahme. Der anfangs dieses Abschnittes vorgestellte geplante Orientführer wuchs sich zu einem Unternehmen aus, das erst mit der Gestaltung und Umsetzung die jetzt bekannte Form annahm. In der Planung hatte man andere Vorstellungen, mußte diese aber den Möglichkeiten anpassen, wobei der Zeitfaktor und die entstehende Konkurrenz eine nicht unerhebliche Rolle spielten.

1872: Erster Gedanke eines Handbuches für den Orient in IV Abschnitten;
1875: 'Palästina und Syrien' erscheint;
1877: 'Unter-Ägypten' erscheint mit dem Bemerken: "der zweite Band: 'Ober-Ägypten. Handbuch für Nilfahrer von Professor Dr. G. Ebers in Leipzig und Professor Dr. J. Dümichen in Strassburg' ist im Druck und wird in kurzem erscheinen." (32); dieses scheint aber nur ein Wunschgedanke gewesen zu sein).
1883: Griechenland;
1892: Ober-Ägypten; und erst
1905: Konstantinopel und Kleinasien.

Der Konkurrent Meyer veröffentlichte im Bibliographischen Institut in Leipzig folgende Bände:

1881: Der Orient: I. Ägypten;
1882: II. Syrien, Palästina, Griechenland und Türkei.

4. Abschnitt: Die Veröffentlichung des Reiseführers über Spanien und Portugal im Jahre 1897 (D 472)

Dieser Band war von Fritz Baedeker im Jahre 1882 in Angriff genommen worden; 15 Jahre später - 1897 - erschien die erste Auflage.

Am 25. Februar 1882 betritt Oberlandesgerichtsrat Passarge aus Königsberg spanischen Boden, um in einer 2 1/2-monatigen Reise das Material für den Spanien-Band als Grundstock zu sammeln. Zu gleicher Zeit gewinnt Fritz Baedeker Professor Dr. Carl Justi aus Bonn für die Beschreibung der Kunstgeschichte Spaniens. Der Verlag versprach sich von der Herausgabe dieses Reisehandbuches eine Steigerung des Besuches deutscher Reisender in dieses Land, das "in ihrer Eigenart fremder als alle andern Kulturländer Europas" ist. (33)

Die Herausgabe ist zum Herbst 1883 in Aussicht genommen, aber schon im Juni des gleichen Jahres wird ein Erscheinungstermin wieder offen gelassen. Fritz Baedeker hatte bei der Festlegung des Inhaltes seinen eigenen Geschmack wie es sich z.B. an folgendem Satz zu den Kunstschätzen ablesen läßt:

"Handelt es sich doch dabei im wesentlichen darum, den Kunstfreund auf den richtigen Standpunkt zu stellen, von dem aus er die Denkmäler Spaniens betrachten soll."

Da Fritz Baedeker auch viel unterwegs ist und sich die Herausgabe des Spanien-Bandes vorbehalten hat, geht viel Zeit verloren; im Dezember 1884 legt er z.B. eine eigens zu unternehmende Spanienreise für den Herbst 1885 fest. Aber im Juli 1885 wütet in Spanien die Cholera, so daß diese Reise auf Frühjahr 1886 verschoben wird. 10 Jahre später schreibt Fritz Baedeker, daß widrige Umstände ihn überhaupt nicht zu der Reise haben kommen lassen. Im Jahre 1895 wird für die Schlußredaktion Dr. Propping eingeschaltet unter gleichzeitiger Unterstützung durch die deutsche Botschaft in Madrid. Dazu hatte der Verlag das 'alte' Manuskript von Herrn Passarge extra setzen lassen, um die Bearbeitung zu erleichtern. Der Bearbeitungsstand des Spanien-Teils ließ einen geschätzten Umfang von rund 800-900 S. erwarten. Das war wegen des zu erwartenden Verkaufspreises zu umfangreich und auch "...weil das Buch dann sofort von einem Konkurrenten ausgeschlachtet und zur Herausgabe eines den jetzigen Bedürfnissen entsprechenden kleineren Handbuchs benutzt werden würde, wie es uns mit 'Ägypten' gegangen ist."

50 Seiten der spanischen Kunstgeschichte werden mit einem Honorar von 300 Mark entgolten; dafür erhielt der Verlag das Recht, den Artikel in jeder Auflage abzudrucken. Erst wenn eine Überarbeitung notwendig werden würde, erhielten die Herren Professoren ein ergänzendes Honorar. Zusätzlich bekamen alle Autoren immer Freiexemplare aller Auflagen, wie es auch heute noch üblich ist. Fahnenabzüge einzelner Artikel wurden gerne den Autoren angeboten; im Falle der Kunstgeschichte Spaniens wurden Herrn Professor Justi 100 zusätzliche Abzüge hergestellt.

Am 15. Februar 1897 erscheint der Band zu einem Preis von 16 Mark, zum gleichen Preis wie die Erstausgabe von Unter-Ägypten.

Der Band ist aber nicht sehr vom Verlegerglück begleitet. Die erste sehr klein bemessene Auflage sollte zwei Jahre später einen unveränderten Neudruck aus dem Stehsatz erleben. Aber viele Fehler und Vernachlässigungen im Text und "schärfste Kritik" führen zu einer grundlegenden Überarbeitung der folgenden zweiten Auflage, die im Jahre 1899 ohne einen Überarbeitungshinweis erscheint.

5. Abschnitt: Miscellen

Auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 erhalten die Baedeker'schen Reisehandbücher eine Grand-Prix-Auszeichnung. Fritz Baedeker ist hocherfreut und erleichtert, da er sich zunächst nicht dem Wettbewerb stellen wollte in der ausgesprochenen Befürchtung, eine Enttäuschung durch eine niedrigere Auszeichnung erleben zu müssen.

Immer wieder wird vermutet, daß es noch weitere Auflagen über Indien, Konstantinopel, Griechenland - vielleicht als sogenannte Notausgaben - gäbe. Der Wunsch des Gedankens ist sicherlich bestechend, aber die Tatsachen sprechen dagegen.

'Indien' wurde seit dem Jahre 1908 bearbeitet, zuerst als geplanter Führer über Süd- und Ostasien (nun im Jahre 1986 ist dieser Band mit diesem alten Titel erschienen); Fritz Baedeker plante auch die Herausgabe eines Reisehandbuches 'Rund um die Welt' (das Bibliographische Institut schaffte es), aber Kapazitätsengpässe und finanzielle Grenzen (im Jahre 1911 konnte Fritz Baedeker seinen Fond für die von ihm im Jahre 1909 gewährte Baedeker-Stiftung nicht erhöhen) und schließlich der erste Weltkrieg brachten die Pläne in ganz andere Bahnen. In einem Brief vom März 1931 schreibt Hans Baedeker, daß er für eine Neuauflage von 'Indien' derzeit keine Realisierungschance sehe. (34) Am 1. Oktober 1934 erhält der Verlag ein Darlehen des Deutschen Reiches, um weiterarbeiten zu können. In einem Dankschreiben heißt es dazu:

"Viel schwieriger liegt leider die von mir seit Jahren gewälzte und z. T. schon in Angriff genommene Frage unserer Bände Griechenland und Konstantinopel...wie man die Sache auch wenden mag, unter den heutigen Verhältnissen ist vom verlegerischen Standpunkt immer nur ein Verlust herauszukalkulieren. Nun hat aber unser schöner Band Griechenland... seit seinem ersten Erscheinen im Jahre 1882 niemals auch nur einen kleinen Gewinn erbracht.

Ich darf es deshalb nicht wagen, das oben erwähnte mir für die Erhaltung und Weiterführung der Firma Karl Baedeker zur Verfügung gestellte Darlehn für die Zwecke gerade dieses Bandes...zu verwenden." (35)

Im September 1948 ist Hans Baedeker stolz darauf, daß man Leipzig als halbzerstörte Stadt wieder 'baedekermäßig' beschreiben kann. Er denkt sogar an die mögliche Herausgabe eines Stadtführers von Berlin. (36)

Damit endet dieser Vortrag; es gibt noch vieles über das bisher von L.L. Boyle und mir ausgewertete Material zu sagen. aber die dafür notwendige Zeit fehlt. Auch aus der jüngsten Vergangenheit des Verlages unter der Leitung von Karl Friedrich Baedeker gibt es aus eigener Feder und dank der Hilfe lebender Zeitgefährten einen guten Überblick. In diesem Zusammenhang darf ich hier dem beim 3. Baedeker-Symposium anwesenden Bundesbahndirektor a. D. Otto Brandt besonders danken.

Anmerkungen:

(1) Grimm, J./Grimm, W.: Deutsches Wörterbuch, Bd. 3, München 1984, Sp. 1043.
(2) Grimm, J./Grimm, W.: Deutsches Wörterbuch, Bd. 33, München 1984, Sp. 51.
(3) hs. Bemerkung als Echtheitsbestätigung vom 18.VIII.1847, Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, 6602/02.
(4) siehe dazu auch: R. Schmidt: Die Baedeker, in: Zeitschrift für Bücherfreunde, Nr. 51 (1901-02), S. 399.
(5) Rheinreise von Basel bis Düsseldorf..., 5. durchaus umgearbeitete Auflage der Rheinreise von J.A.Klein, Coblenz 1846.
(6) Hengstenberg, E.W.: Hs, vom 16. 3. 1820, Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, 7468/6787.
(7) siehe dazu auch: Preussen, zur Sozialgeschichte eines Staates, Bd. 3 des Kataloges in 5 Bänden zur Ausstellung 'Preußen, Versuch einer Bilanz', Reinbek 1981.
(8) Hoffmann von Fallersleben, A.H.: Mein Leben, Bd. IV., Hannover 1868-1870.
(9) Weber, C.J.: Deutschland oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen, 4. Bd., 2., vermehrte und verbesserte, Auflage, Stuttgart 1834.
(10) hs. Brief von K.B. an Herrn Prof. Braun vom 19. 6. 1846, Universitätsbibliothek Bonn, S 2497.
(11) Rheinreise von Straßburg bis Düsseldorf..., 3. durchaus umgearbeitete Auflage der Rheinreise von Prof. J.A. Klein, Koblenz und Rotterdam, 1839.
(12) wie Anm. (5).
(13) Handbuch für Reisende in Deutschland und dem Oesterreichischen Kaiserstaate, 3. umgearbeitete Auflage, Coblenz 1847.
(14) Handbuch für Reisende in Deutschland und dem Oesterreichischen Kaiserstaate, 3. umgearbeitete Auflage, Coblenz 1846.
(15) Hs. Brief von K.B. an Landrat Heuberger in St. Goar vom 6. April 1841, Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, 13771.
(16) Freiligrath, F.: Ein Glaubensbekenntniß, Mainz 1844, zitiert nach: Buchner, W.:Ferdinand Freiligrath, ein Dichterleben in Briefen, 2. Band, Lahr 1888.
(17) Brief von Freiligrath an Levin Schücking vom 3. 2. 1844, zitiert nach: Buchher, W., a.a.O., S. 97
(18) Hs. Brief von F. Freiligrath an K.B. vom 29. 2. 1844, Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, 42':5.
(19) Brief von Karl Simrock an F. Freiligrath vom 28. 3. 1844, zitiert nach: Ottendorff, H.: Literarisches Leben im Rheinlande um die Mitte des 19. Jahrhunderts (mit Benutzung von Briefen und Urkunden aus dem Nachlaß Karl Simrocks), in: Beilage zum Jahresbericht des Kgl. Ludwigs-Gymnasiums zu Saarbrücken, Ostern 1911, S. 53.
(20) Hs. Widmung auf Vorsatzpapier des Bandes 'Belgien' Handbüchlein für Reisende, Koblenz 1845 (erschienen bei Karl Bädeker; D 264).
(21) siehe dazu: Hs. 'Brief von Levin Schücking an Karl Bädeker vom 10. 6. 1845, Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, 4293.
(22) Brief vom 1. März 1843, ausgefertigt von fremder Handschrift und unterzeichnet von K. Bädeker, Buch- u. Kunsthändler, Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz, Berlin, Slg. Darmst. K 1839 (3), K. Bädeker.
(23) Hs. Brief von K.B. an NN vom 30. 12. 1856, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg.
(24) siehe dazu auch: Hs. Brief von Ernst Baedeker vom 7.2.1860 an NN, Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, 2001.
(25) Hs. Brief von Karl Baedeker (Sohn) an Karl Klüpfel vom 22.12.1862, Deutsches Literaturarchiv/Schiller-Nationalmuseum Marbach/N., 58.1395 Schwab-Nolt.
(26} Hs: Brief von Karl Baedeker (Sohn) an Karl Chr. Planck vom 26.9.1863, Württembergische Landesbibliothek, Cod.hist. 1016/61.
(27) siehe dazu den hs. Schriftverkehr von Karl und Fritz Baedeker an Prof. Ebers, Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz Berlin, Nachlaß Ebers (Karl und Fritz Baedeker).
(28) Baedeker, K.: Aegypten. Handbuch für Reisende, erster Theil: Unter-Aegypten bis zum Fayum und die Sinai-Halbinsel. Leipzig 1877.
(29) und (30) Hs. Briefe von Karl Baedeker (Sohn) an Prof. Ascherson vom 5. Mai und 15. Juli 1876, Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz Berlin, Slg. Dartust. Lb 1872 (16) (Karl Baedeker).
(31) Hs. Brief von Fritz Baedeker an NN vom 13.4.1892, Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz, Nachl.141 (Slg. Adam) K 2.
(32) Baedeker, K.: Aegypten, a.a.O., S.VII.
(33) siehe dazu, auch für folgende Zitate dieses Abschnittes: Hs. Schriftverkehr von Fritz Baedeker an K. Justi a.d.J. 18821911, Universitätsbibliothek Bonn, S 1702.
(34) Brief vom 25.3.1931 von Hans Baedeker an Frau F. Pelz, Archiv des Autors.
(35) Brief vom 30.10.1934 von Hans Baedeker an Prof. Wiegand, in: Simon, H.: Gelehrtenbriefe im Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts zu Berlin, Berlin 1973. (36) siehe dazu: Brief vom 15.9.1948 von Hans Baedeker an Hans Rothe Deutsches Literaturarchiv/Schillernationalmuseum Marbach/N., 78.2379/2.

(Copyright des Vortrages, der Auswertungen und Zusammenstellungen beim Autor).

Alex W. Hinrichsen: Neue Erkenntnisse in der Baedeker-Forschung
In "Reiseleben" Heft 13, S. 18-36.
(Holzminden: Ursula Hinrichsen; 1986)
ISBN 3-922293-11-5


3. Baedeker-SymposiumTable of contentsVerkehrskultur der Kutschenzeit

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